Nachhaltigkeit,  Ökologie

Mitmachen!

Volksinitiative
Artenvielfalt in NRW

Monika Hachtel

Biologische Station Bonn / Rhein-Erft e. V

Artenvielfalt retten

Wir erleben einen dramatischen Verlust an Tier-und Pflanzenarten. Ob in Naturschutzgebieten oder in Gärten, ob in der Stadt oder auf dem Land: sowohl global als auch lokal gehen Tier- und Pflanzenbestände zurück, Arten stehen kurz vor dem Aussterben oder haben sich schon verabschiedet – auch in unserer direkten Umgebung.
Vor allem der Rückgang von Insekten und Vögeln führt deutlich vor Augen, dass wir grundlegend und konsequent umsteuern müssen. Die Studie des Insektenkundler-Vereins Krefeld zum Insektenrückgang ist um die Welt gegangen: Zwischen 1989 und 2016 sind mehr als 75 % der Gesamtmasse an Fluginsekten aus Teilen Deutschlands verschwunden. Aber auch die Roten Listen, die seit über 40 Jahren den Zustand unserer Tier- und Pflanzenwelt dokumentieren, zeigen den dramatischen und weitgehend ungebremsten Schwund: Bundesweit geht fast jede zweite erfasste Art zurück, nur ein Bruchteil – etwa 2 % – nimmt zu. Manche trifft es hart, andere noch härter: Knapp ein Drittel aller Säugetiere in Deutschland gilt als gefährdet, unter den Wildbienen erleidet knapp die Hälfte der 561 Arten Rückgänge und bei den ebenfalls zu den Insekten gehörenden Ameisen sind sogar mehr als 90 % der insgesamt 107 hier lebenden Arten rückläufig.

Höchste Zeit, etwas zu tun!

Um dem Artenschwund zu begegnen, muss auch in Nordrhein-Westfalen noch viel mehr passieren und die Landesregierung in vielen Politikfeldern die Weichen neu stellen. Daher haben die drei großen NRW-Naturschutzverbände BUND, LNU und NABU eine landesweite Volksinitiative ins Leben gerufen. Gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern wollen sie in Nordrhein-Westfalen Druck machen, in den kritischen Handlungs- und Politikfeldern grundlegend umzusteuern und die Zeit des Abwartens und Zögerns endlich zu beenden.

Unter dem Motto „Insekten retten – Artenschwund stoppen“ sollen in den nächsten Monaten mindestens 66.000 Unterschriften gesammelt werden. Damit hätte die Initiative 0,5% der Stimmberechtigten in NRW vereint – und der Landtag müsste über die Forderungen beraten und sich mit dem Thema Artenvielfalt befassen.
„Wir wollen mit der Volksinitiative ein eindeutiges Signal für mehr Artenvielfalt geben und appellieren an alle BürgerInnen, sich mit ihrer Unterschrift für ein lebenswertes Nordrhein-Westfalen einzusetzen“, sagt die NABU-Landesvorsitzende Dr. Heide Naderer. Ob Landesplanung, Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Bauen, Wirtschaft oder Verkehr: Es braucht ein breites Bündel an Maßnahmen, um einen ambitionierten Schutz unserer Biodiversität in Nordrhein-Westfalen zu erreichen.
Die drei Verbände fordern ein „Handlungsprogramm Artenvielfalt NRW“ und haben dazu in acht zentralen Handlungsfeldern Forderungen aufgestellt:
1.) Flächenfraß stoppen: NRW verliert täglich ca. 10 Hektar Fläche durch neue Wohn- und Gewerbegebiete, Tagebau und andere Abgrabungen! Wir fordern eine Reduzierung auf 5 Hektar pro Tag bis 2025 und Null bis 2035. Flächenrecycling, Nachverdichtung und eine Aufstockung von Wohn- und Gewerbegebäuden müssen attraktiver werden und Vorrang haben.
2.) Naturschutzgebiete besser schützen: Keine chemisch-synthetischen Pestizide und leichtlöslichen Mineraldünger mehr in Schutzgebieten und Ausweisung von Pufferzonen mit deutlich weniger Pestiziden und Dünger um schützenswerte Flächen herum. Dabei dürfen keine Nachteile für Biolandwirte und den Vertragsnaturschutz entstehen.
3.) Wilde Wälder zulassen: Staatswälder müssen Vorreiter für natürliche Waldentwicklung und Artenvielfalt sein. Insbesondere sollen Alt- und Totholz im Wald verbleiben, auf Pestizide und Kalkungen verzichtet und Sumpf- und Moorstandorte wieder vernässt werden. Mindestens 20 % des Staatswaldes soll kurzfristig aus der Nutzung genommen werden, bis 2030 10 % der Gesamtwaldfläche Nordrhein-Westfalens. Dazu bedarf es guter Förderprogramme des Landes für Waldbesitzerinnen und -besitzer
4.) Naturverträgliche Landwirtschaft fördern: Wir wollen die Stärkung des Biolandbaus, Förderung regionaler Lebensmittel und staatliche Förderprogramme. Die Landwirtschaft muss Teil der Lösung werden, dann auch sie braucht Insekten. Die vielen Millionen Euro staatlicher Subventionen müssen zielgerichtet für eine insekten- und klimafreundliche Landwirtschaft eingesetzt werden. Alle Wiesen, Weiden und Äcker im Eigentum des Landes sollen nach den Grundsätzen des Ökolandbaus bewirtschaftet werden. Um die Nachfrage zu steigern und als wichtiges Vorbild sollen Land und Kommunen in ihren Kantinen und Schulmensen verbindlich Erzeugnisse aus regionalem Ökoanbau und extensiver Weidehaltung verwenden. Bis 2030 sollen 25 % der Anbauflächen in Nordrhein- Westfalen ökologisch bewirtschaftet werden.
5.) Biotopverbund stärken: Das Land muss ein Netz miteinander verbundener Biotope (Biotopverbund) festsetzen, das bis zum Jahr 2025 mindestens 20 % der Landesfläche umfasst. Ein deutlicher Schwerpunkt soll im Offenland liegen.
6.) Lebendige Gewässer und Auen sichern:Wir müssen Gewässer und Auen besser schützen und aktiv renaturieren. Grünland und Äcker entlang von Gewässern brauchen Randstreifen als Puffer, in denen keine chemisch-synthetischen Pestizide, mineralische Dünger und Gülle ausgebracht werden.
7.) Mehr Artenschutz in den Städten: Lichtverschmutzung und Vogelschlag an Glas- und anderen Fassaden sollen durch Landesrecht eingedämmt und Schottergärten verboten werden. Fassaden und Dächer müssen stärker begrünt, an Gebäuden brütende Vogelarten geschützt und Kommunen zu einer örtlichen Baumschutzsatzung verpflichtet werden.
8.) Die Senne als Nationalpark ausweisen: Der Truppenübungsplatz Senne mit seinen Heiden, Sandmagerrasen, Mooren, Bächen, Auen- und Kiefernwäldern weist eine herausragende Pflanzen- und Tierwelt auf. Wir fordern, diesen Hotspot der Biodiversität in der Landesplanung dauerhaft für Naturschutz und Artenvielfalt zu sichern.

„In all diesen Politikfeldern sehen wir Stillstand oder Rückschritte“, kritisiert der BUND-Landesvorsitzende Holger Sticht. „Wir können nicht erkennen, dass die Landesregierung gewillt ist, dem dramatischen Verlust an biologischer Vielfalt konsequent zu begegnen. Vereinzelte Förderprogramme ersetzen keine Strategie, und ansonsten wird dem Credo, die Wirtschaft zu ‚entfesseln‘, alles untergeordnet. Damit zerstört die Regierung die Lebensgrundlagen unserer Kinder und Enkel.“

Auch für Bonn und Umgebung sind wichtige Themen dabei: Aufgrund des massiven Bebauungsdrucks stehen Arten wie Wechsel- und Kreuzkröte, Ameisenbläuling, Rauch- und Mehlschwalbe kurz vor dem Aussterben, Laubfrosch, Kiebitz und Feldhamster sind schon aus Bonn verschwunden. In den letzten ca. 150 Jahren sind elf Prozent der heimischen Pflanzen in der Region ausgestorben. Verluste durch Lichtverschmutzung und Vogelschlag prangern die lokalen Naturschutzverbände schon lange an. Fassadenbegrünung, Baumschutz, naturnahe Gärten und öffentliche Flächen tragen auch zu einem besseren Klima bei. Hier ist in unserer Region noch viel Luft nach oben!

Die Erfolge in anderen Bundesländern machen Mut für die Kampagne und zeigen, dass sich durch das Engagement und die Willensbekundung einer breiten Bevölkerung Vieles erreichen lässt.

Unterschriften sammeln in Zeiten von Corona
Mitmachen!

Unterschreiben können Stimmberechtigte gemäß Landtagswahl, also Personen mit Hauptwohnsitz in NRW, die mindestens 18 Jahre alt sind und die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Den Unterschriftenbogen gibt es auf Bestellung, als Download oder in den Sammelstellen. Dort kann man auch Flyer und Poster abholen, ausgefüllte Unterschriftenbögen abgeben und direkt unterschreiben.

Sammelstellen in Bonn sind

Biologische Station Bonn / Rhein-Erft, Auf dem Dransdorfer Berg 76, 53121 Bonn, Mo-Fr 8-17 Uhr
Ökozentrum Bonn, Friesdorfer Straße 6, 53173 Bonn, Mo-Fr 10-16 Uhr
OroVerde, Burbacher Straße 81, 53129 Bonn, Mo-Fr 9-17 Uhr
Weltladen Bonn, Maxstraße 36, 53113, Bonn, Mo-Fr 15-19, Sa 12-15 Uhr
WILA Bonn e.V., Reuterstraße 157, 53113 Bonn

Weitere Infos unter
www.artenvielfalt-nrw.de
Kontakt@Artenvielfalt-NRW.de (0) 211 15 92 51-54

Bögen können auch direkt geschickt werden:
Volksinitiative Artenvielfalt NRW
Postfach 19 00 04
40110 Düsseldorf

Erschienen in der Ausgabe 6_20